Fußpilger reisen auch von Mönchengladbach und Rumänien an

Kevelaer zu Fuß. Das ist  mehr als nur Aufraffen und Ankommen ... Für 50 Kilometer Fußwallfahrt kommen Hamborner auch aus Rumänien, Mönchengladbach oder Halle am 10. September nach Duisburg. Nach der Messe geht es bald Richtung Fähre nach Orsoy.

Morgens um fünf ist es am zweiten September-Samstag für Hamborner Katholikinnen und Katholiken wieder soweit. An der Abtei St. Johann starten sie nach der Messe auf den Fußweg über rund 50 Kilometer nach Kevelaer. Abends um sechs ist Ankunft. Und Pilger aus anderen Gruppen des Tages bestätigen: „Die Hamborner sind meist sehr, sehr pünktlich.“ 

 

„Nach Kevelaer mitzugehen war von meinen Wohnorten in Mönchengladbach und Bielefeld aus lange nicht selbstverständlich“, sagt Antonia Heitmann. Sie ist als Referendarin für Mathe und Pädagogik wieder in ihre Heimat Mönchengladbach zurückgekehrt.

Zum 243. Mal seit 1780. Drei unter vielen Auswärtigen, die zum Wandern, Erzählen, Beten und Singen von außerhalb Duisburgs anreisen, sind Antonia Heitmann (26,) Christina Wieda (52) und Christopher Haccius (35).


 Von Großeltern, Bekannten und Verwandten wusste sie, dass die Fußwallfahrt für viele regelmäßig dazu gehörte. „Irgendwann hab auch ich beschlossen, dass ich es einfach ausprobiere.“ Sie blieb dabei und wird an diesem Samstag in Gladbach morgens um drei für die Fahrt zur Fünf-Uhr-Hamborner Pilgermesse aufstehen. „Der Samstag zu Fuß ist bei der dreitägigen Wallfahrt mein besonderer Tag. „Denn beim Aufbruch um fünf weiß ich nicht, ob ich zu Fuß ankomme.“ Körperlich, aber auch psychisch fordere das. „Besonders im Regen, wenn die Füße schon mal kaputt sind, ist auch Aufgeben eine Option.“ Für die, die nicht mehr laufen können, steht unterwegs fast jederzeit ein Bus der Hamborn-Kevelaer-Wallfahrt bereit. Fürs Durchhalten auf dem Weg zur Muttergottes von Kevelaer sprächen sehr vielfältige Erfahrungen, sagt Heitmann: „Gedanken an Aufgeben oder Weitermachen, an Beten und Gemeinschaft oder an das gemeinsame Mittagessen in Alpen sowie das Singen auf der Straße.“ Auch das „Wir wagen und schaffen das“ dieses Tages motiviert viele. „Kevelaer sind auch neue Erfahrungen für mich selbst“, sagt Antonia. „Das hat viel mit Freundinnen, dem Wiedersehen, Neuigkeiten austauschen und einem Tag Nachdenken übers Leben zu tun.“ Unterwegs gibt es auch die „Wüste“. Auf diesem Streckenabschnitt erleben die Marien-Pilger zur Kevelaerer „Trösterin der Betrübten“ den Weg schweigend. Heitmann: „So wie diese Ruhe gibt es unterwegs auch immer den Kevelaer Pflaumenkuchen.“ Fast selbstverständlich jedes Jahr servieren den Wallfahrerinnen ihrer Großfamilie, die nicht mehr mitgehen, am Weg.

Für Sicherheit, inhaltliche Vorbereitung und auch Verpflegung für alle sorgt der Verein der Fußwallfahrt mit seinem sechsköpfigen Vorstand unter dem Vorsitz von Rainer Schmenk. Der orthopädische Schuhmachermeister vom Hamborner Altmarkt führt mit seinem Team die Fäden für Kevelaer bereits seit Jahresbeginn zusammen. Geplant wird für Wege, Impulse, Rast-Orte, Übernachtungen und Gottesdienste. Trotzdem ist am Wallfahrtstag Flexibilität gefragt. „Erst an dem Samstagmorgen wissen wir jedes Jahr, wie viele wirklich auf unserem Weg dabei sind.“

 

Anders als Heitmann wird Christina Wieda kommenden Samstag nicht schon um drei Uhr aufstehen. Aus Halle bei Gütersloh fährt sie am Vorabend an. ,,Nach dem langen Abend zu Haus bei Mutter und Vater spar ich mir aber die Fünf-Uhr-Messe.“ Es geht für die Fünfzigerin darum, den Tag so zu gestalten, dass Erlebnisse unterwegs möglich sind, erklärt die Hallenserin mit Wurzeln rechts und links des Rheins.

Die Lust auf Kevelaer ist Wieda trotz des langen Anfahrts- und Fußweges über 45 Jahre nicht abhanden gekommen. Wenn sie das sagt, meint sie nicht nur die Stadt. „Als Sechsjährige lief ich 1976 zum ersten Mal zehn Kilometer mit. Zwei ältere Freundinnen passten auf, dass das gut ging.“ Heute ist schon der Start schön: „Am Kevelaer-Samstag komm ich ausnahmsweise ohne Mühe aus dem Bett, weil ich mich freue.“

Unterwegs beim Laufen, Quatschen oder beim Frühstück geht es für die Mutter dreier Kinder um mehr als nur Anstrengung, sich Aufraffen und Arbeit fürs Ankommen. „Laufen ist für mich auch die intensivste Form des Betens.“ Im Kopf zwischen Orsoy, Alpen, Kapellen und Kevelaer sind für sie 2022 dann auch der Krieg in Europa, die Überschwemmungen in Pakistan und die Not von Menschen weltweit. Christina Wieda sorgt sich besonders um Kinder. Für sie setzt sie sich im Beruf bei der Bertelsmann-Stiftung und im Ehrenamt ein.

„Wir müssen heute Gerechtigkeit für Kinder suchen, deswegen für gleichwertige Bildungschancen und Klimaschutz einstehen.“ Dankbar ist sie für eins: „Wir dürfen im Frieden hierhin laufen. Dabei begegnen und unterstützen wir uns.“

Christopher Haccius: „Training" mit Sohn Konrad östlich der Karpaten. Für viele ist Kevelaer ein Festpunkt im Jahreslauf. Und ein unverzichtbarer Weg sowie Kraftort im Glauben.
Christopher Haccius: „Training" mit Sohn Konrad östlich der Karpaten. Für viele ist Kevelaer ein Festpunkt im Jahreslauf. Und ein unverzichtbarer Weg sowie Kraftort im Glauben.

Kevelaer selbst ist für Wieda Kraftort, wie es die Esoterik heute formuliere. „Am Sonntagmorgen, unserem Ruhetag, sind wir als Katholiken und Katholikinnen am Kraftort Kevelaer sehr gut aufgehoben.“ Dann feiern die über 100 Hamborner Läufer mit den Buspilgern, die sonntags separat anreisen, am Nachmittag ihre Pilgermesse. 

 

Hier und unterwegs wird auch ein Hamborner mit dabei sein, der aus Rumänien anreist: Christopher Haccius arbeitet dort bei einem Automobilzulieferer. Mit seiner jungen Familie und den Söhnen Konrad und Georg lebt er fast 2000 Kilometer entfernt von Hamborn. „Auf die Wallfahrt freu ich mich jedes Jahr.“ Zwar gelinge die Anreise 2022 nur mit dem Flugzeug. Eine Autofahrt mit einem Start östlich der Karpaten sei für diese Tour nicht praktikabel.

 

„Wallfahrt fühlt sich seit 27 Jahren an wie Urlaub, obwohl der Körper am Ende erst einmal kaputt und müde ist.“ Der Kopf sei frei von Alltagsgedanken. „Und Gebete sowie Impulse bieten Anregungen, um über völlig andere, aber sicher wichtige Dinge nachzudenken.“

 

Praktische Hilfe dafür bekommt er. Seine Frau fährt ihn zum rumänischen Flughafen, seine Mutter holt ihn am deutschen Airport ab. Zum aktuellen Treffen mit Freunden und der Familie erklärt Christopher Haccius: „Kevelaer ist, seitdem ich auswärts lebe, immer auch Rückkehr in meine Heimat und meine Kindheit.“